Pressespiegel

Alexander, der Slawe

Hannoversche Allgemeine Zeitung, 16.09.2002

Geschichte wird gemacht: Ein viel diskutiertes Thema beim 44. Deutschen Historikertag in Halle

Was wir aus der Zukunft machen hängt von der Vergangenheit ab.

Historikertage haben immer ein Motto. “Traditionen ­ Visionen³ hieß es jetzt beim 44. Deutschen Historikertag in Halle. Was dies nun bedeuten sollte, wusste allerdings niemand so recht zu sagen, und deshalb konnte sich der Bogen der Vorträge mühelos von der spartanischen Außenpolitik im 5. Jahrhundert v. Chr. über jemenitische Netzwerke im Indischen Ozean in der Neuzeit bis zur Wahrnehmung Europas im China des 20. Jahrhunderts spannen. Dennoch: Schwerpunkte schälten sich schon heraus, und ein wichtiger von ihnen hieß "Geschichtspolitik".

Geschichtspolitik, das bedeutet, Vergangenheit in Bezug auf die Gegenwart und die Zukunft zu sehen, Geschichte also als einen Weg zu begreifen, der bestehende Zustände begründet hat und kommende schaffen kann. In Diktaturen wird Geschichtspolitik allein vom Staat betrieben, in Demokratien treten zur Politik die Medien, die Kirchen oder Verbände ­ kurz: die Öffentlichkeit, von der die Fachhistoriker nur ein Teil sind. In diesem Sinne gibt es ein unauflösliches Wechselverhältnis zwischen Geschichte und Politik. Geschichtspolitik befasst sich mit vielem, mit dem Identitätsverständnis der Gesellschaft, mit der Darstellung von Geschichte in den Medien, mit dem Wandel von Mentalitäten und sogar dem Städtebau.

In Deutschland ist es noch immer die Zeit des Dritten Reichs, die Geschichtspolitik antreibt. Diese vereint, wenn die Schattenseiten der deutschen Geschichte angenommen werden ­ Stichwort “Vergangenheitsbewältigung³. Sie polarisiert, wenn das nicht geschieht ­ Stichwort “Wehrmachtsausstellung³. Besonders aber beschäftigten in Halle die ersten beiden Jahrzehnte der Bundesrepublik, die in einer Reihe von Vorträgen als fernes fremdes Land erschien, als bloß institutionelle, autoritäre Demokratie. Ja, von einer förmlichen “Umgründung³ des Staates in den siebziger Jahren war die Rede, davon, dass erst damals der Volksgemeinschaftsglauben überwunden worden sei.

Dafür gibt es Gründe. Noch 1962 kritisierte der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer den Bundesgerichtshof (BGH), weil dieser die individuelle Verweigerung eines Wehrmachtssoldaten nicht als Widerstand gewertet und gemeint hatte, ein solcher habe nur Amtsträgern mit höherer Einsicht wie den Männern des 20. Juli 1944 zugestanden.

Dies war nun die Zeit, auf die der Sozialphilosoph Hermann Lübbe die geschichtspolitische These gemünzt hat, dass die stillschweigende Integration der nationalsozialistischen Täter eine der Grundvoraussetzungen für die Stabilisierung der Bundesrepublik gewesen sei. In der Tat, die Aufarbeitung der Vergangenheit setzte spät ein und immer nach starkem Druck von außen: Erst 1958 wurde die Ludwigsburger Zentralstelle für die Aufklärung von NS-Gewaltverbrechen geschaffen, weil die DDR belastete Juristen im Staatsdienst angriff und so im Ausland für Aufsehen sorgte. Erst jetzt auch raffte sich die vorher träge Justiz zu Kriegsverbrecherprozessen auf, und der Mord an den Juden wurde zum Thema ­ wobei in den damals noch seltenen Fernsehdokumentationen eine Mitwisserschaft des deutschen Volkes weitgehend geleugnet wurde. Und wiederum bedurfte es des Drucks aus dem Ausland, ehe 1965 gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung eine Verlängerung der Verjährungsfristen für NS-Verbrechen beschlossen wurde.

Mit der Vergangenheitsverweigerung wurde ­ auch abzulesen an der personellen Kontinuität in Justiz und Verwaltung über das Jahr 1945 hinaus ­ Geschichtsverleugnung betrieben. Geschichte verleugnen wollten aber auch Stadtplaner, die einen Abriss der zerstörten Städte anstrebten. Sie weisen ebenfalls eine merkwürdige Kontinuität von der Weimarer Republik über das Dritte Reich bis in die erste Nachkriegszeit auf. Männer wie Rudolf Hillebrecht und Hans Scharoun hatten schon mit Albert Speer zusammengearbeitet, mussten sich als Funktionselite aber später keinen politischen Fragen stellen. Die Kriegszerstörungen ließen einen lange gehegten Traum in den Bereich des Möglichen rücken: weg von der alten kompakten Stadt hin zu aufgelockerten und durchgrünten Siedlungsstrukturen.

Im Osten beendete ein Machtwort aus Moskau des Experiment: Angeordnet wurde der Rückgriff auf regionale Bautraditionen plus sozialistischer Imponierarchitektur. Im Westen wuchs allmählich die Erkenntnis, dass das Ergebnis des Konzepts der Neuerer keine Stadt, sondern ein raumverschlingender Siedlungsbrei sein würde. Die endgültige Wende zurück zur historisch mit sich identischen Stadt brachte dann das Internationale Denkmalschutzjahr 1975.

In Sachen Geschichtspolitik blickte man in Halle aber auch über den Tellerrand hinaus. Denn in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und der Sowjetunion laufen derzeit Experimente, mit denen Länder, die es vorher nie oder nur für kurze Zeit gegeben hatte, sich eine möglichst jahrtausendealte Nationalgeschichte zulegen wollen. Denkmäler, Staatswappen, Flaggen, Briefmarken und Banknoten führen dies von Kroatien bis zur Ukraine vor. Kroatien hat sich als Flagge das Schachbrettmuster gewählt, das zwar bis ins Mittelalter zurückreicht, durch die faschistische Ustascha-Republik von 1941 bis 1945 aber belastet ist. Staatsgründer Franjo Tudjman träumte davon, den Ustascha-Führer Ante Pavelic und seinen kommunistischen Gegner Tito in gemeinsamer Erde bestatten zu lassen ­ “wir sind doch alle Kroaten".

Noch weiter zurück in die Vergangenheit greift Mazedonien. Mit Griechenland hat es heftig um den Goldstern aus dem Grab im (griechischen) Vergina als Flaggensymbol gekämpft. Er wurde dort im Grab Philipps II. gefunden, des Vaters Alexanders des Großen. Beide sind von mazedonischen Pseudohistorikern enthellenisiert und zu Slawen gemacht worden. Ebenso sucht Mazedonien albanische historische Stätten und Gestalten für sich zu reklamieren: Irredenta als Geschichtspolitik. Probleme haben auch die Ukrainer mit der Frage nach ihrer Nation ­ zu sehen am Dreizack im Wappen. Was ist er? Er weise, so heißt es, auf die in der Antike griechisch besiedelte Krim hin, was von den Russen abgrenzen würde. Stilistisch könnte er aber zur Kunst der Wikinger gehören, die die Kiewer Rus begründeten.

Tolle Volten schlägt die Geschichtspolitik auch in Transnistrien, einem handtuchförmigen Pseudostaat östlich des Dnjestr, der sich von Moldawien losgesagt hat. Bevölkert ist das Land von Russen, Ukrainern und Rumänischsprachigen, die Regierung aber behauptet, es gebe eine Nation und greift den gescheiterten Traum von der Sowjetnation auf (was sich auch an den inneren Verhältnissen erkennen lässt). Und neben den üblichen Attributen des Versuchs einer Nationsbegründung gibt es auch ein zweibändiges Werk zur Geschichte Transnistriens ­ von der Altsteinzeit bis zur Gegenwart.

EKKEHARD BÖHM

Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung