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  2.3   Europa in der Antike - Traditionen oder retrospektive Vision?

H-SOZ-U-KULT vom 03.10.2002

Im Zuge der Suche nach einer gemeinsamen europäischen Identität werden immer wieder gern die antiken Wurzeln Europas beschworen. Und so näherte sich die von Linda-Marie Günther (Bochum) geleitete Sektion dem Phänomen "Europa in der Antike" von verschiedenen Seiten her: Drei Vorträge widmeten sich antiken Europakonzepten und ihrem Idealitätsgehalt und untersuchten Europa-Begriffe vom 5. Jh. v. Chr. bis zum 6. Jh. n. Chr. In zwei weiteren Vorträgen stand der Blick des heutigen Europas auf seine antike Vergangenheit auf dem Prüfstand. Diese Thematik befindet sich im Fokus des Interesses des Vereins "Alte Geschichte für Europa e.V." (AGE), der aus einer Sektion des Historikertags 1992 hervorgegangen ist und dessen Arbeit Anstoß für die Initiierung der diesjährigen Sektion gab.

Einleitend skizzierte L.-M. Günther die Problematik gegenwärtiger Rekurse auf Europa als gemeinsamer "Wiege der abendländischen Kultur", wobei sie auf die aktuellen Anstrengungen türkischer Intellektueller verwies, ihren Staat mit Blick auf die EU-Beitrittsverhandlungen vermittels der Troja-Überlieferung einerseits, des hellenisch-hellenistischen Erbes kleinasiatischer Ruinenstädte andererseits in eine gemeinsame "europäische" Tradition zu stellen.

Elisabeth Erdmann (Erlangen - Nürnberg) ging in ihrem Vortrag "Wie weit reicht Europa zurück? Der Befund der Schulbücher" der Darstellung Europas und seiner antiken Traditionen in aktuellen Schulgeschichtsbüchern nach, wobei ein besonderes Augenmerk auf der Analyse von Längsschnitten zum Thema Europa lag, wie sie in neuen nordrhein-westfälischen Büchern zu finden sind. Gefragt wurde insbesondere danach, inwieweit Europa in seinen verschiedenen Dimensionen - geographisch, kulturell, politisch... - sichtbar wird und inwieweit eine adressatengerechte Umsetzung erfolgt. Die Referentin zeigte in ihrem Vortrag nicht nur viele fachwissenschaftliche Mängel der Schulbücher auf, sondern arbeitete auch heraus, wie sehr eine dichte, oft abstrakte und stark institutionenkundliche Darstellung einer altersgerechten Vermittlung im Wege steht.

Jörg-Dieter Gauger (Bonn / Konrad-Adenauer-Stiftung) ging auf den Kern des hellenischen Europa-Diskurses ein; unter dem Titel "Einheit, Vielfalt, Bürgergesellschaft - griechische Lebensform und europäische Identität" machte er schon bei Herodot das Bewusstsein der Griechen des balkanischen Mutterlandes aus, im Willen zu Freiheit und Selbstbestimmung den persischen Orientalen überlegen zu sein. Die hierfür entscheidende induktive Gleichsetzung von "hellenisch" und "Europa" führte zu lebhaften und kontroversen Diskussionen, wobei Gauger sein Verständnis der klassisch-griechischen Auffassung von der Differenz zwischen Europa und Asia als einer retrospektiven Vision jener Zeit verdeutlichte.

Um das implizite Europabild Spartas ging es Ernst Baltrusch (FU Berlin), der in seinem Referat "Zwischen Europa und Asien - Spartanische Außenpolitik im 5. Jh. v. Chr." die Entstehung und das wechselnde Schicksal einer "Doktrin" aufzeigte, die er überzeugend mit dem Namen des Spartanerkönigs Kleomenes (520-490 v.Chr.) verband; sie besagte, dass Asien den Persern gehöre und das spartanische Interesse nur in Europa liege. Baltrusch lieferte zugleich einen genuinen Forschungsbeitrag zu der viel diskutierten Frage, welche widerstreitenden Kräfte schließlich im Peloponnesischen Krieg die Spartaner dazu führten, sich gegen Athen unter Preisgabe der Griechen an der kleinasiatischen Küste mit dem Perserkönig zu verbünden.

Eckhard Wirbelauer (Freiburg) beleuchtete in seinem Vortrag über "Europa und das Römische Reich - Überlegungen zur Verwendbarkeit von Geschichte" die gegenwärtigen Vorstellungen vom "römischen Erbe" als einem Vorbild für den europäischen Staatenbund. Er kontrastierte hierzu Positionen verschiedener Althistoriker und führte Möglichkeiten vor, der "Vorbildsfalle" eines unreflektierten Antikenbezugs zu entgehen. Im letzten Teil seiner Ausführungen ging es um Widersprüchlichkeiten im aktuellen politischen Umgang Europas mit dem Römischen Reich: Die Gestaltung der 5-Euro-Note macht deutlich, dass auf Seiten der europäischen Institutionen durchaus Interesse besteht, auf die antike Vergangenheit Bezug zu nehmen, offenbart jedoch in der Art, in der antike Baudenkmäler hier Verwendung finden, aus altertumswissenschaftlicher Sicht erhebliche sachliche Defizite.

Der Beitrag von Hartwin Brandt (Bamberg) ließ schon wegen des Titels "Europa in und seit der Spätantike, oder: Eine Königstochter, ausgetretene Pfade und die Vision eines Preises" aufhorchen. Zunächst ging Brandt die literarischen Zeugnisse spätantiker Autoren (von Claudian bis Prokop) durch, die "Europa" explizit nennen - freilich nicht als einen ideell aufgeladenen Begriff, sondern als geographische Bezeichnung z.T. nur für die makedonisch-thrakische Küstenzonen. Dieser negative Befund betreffs einer Europaidee oder gar -vision gab Anlass zu Diskussion. Erheiterung rief der augenzwinkernde Vorschlag des Referenten hervor, neben dem bekannten Karlspreis, den die Stadt Aachen an vornehmlich schon ältere Herren vergebe, einen "Europa-Preis" zu stiften - benannt nicht nach dem Kontinent, sondern nach der schönen phönikischen Prinzessin - und an um Europas Einheit verdiente Frauen zu vergeben.

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Bericht von Katja Gorbahn (Siegen), H-SOZ-U-KULT vom 03.10.2002 , url: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?id=89&pn=tagungsberichte

Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von H-SOZ-U-KULT

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