Traditionen - Visionen
44. Deutscher Historikertag in Halle an der Saale
vom 10. bis 13. September 2002

 

Programm

  2.3   Europa in der Antike - Traditionen oder retrospektive Vision?

Mittwoch, 11. September 2002, 9 - 13 Uhr
Universitätsplatz - Melanchthonianum HS XVI

Leitung: Linda-Marie Günther, Bochum

Bericht
von Katja Gorbahn (Siegen), H-SOZ-U-KULT vom 03.10.2002


Auf der Suche nach einer ‚europäischen‘ Identität geht der Blick gern zurück zur „Wiege des Abendlandes“, also in die Antike. Doch wo beginnt ‚Europa‘ – in Hellas oder in Rom, in frühgriechischer oder spätantiker Zeit?
Seit der sog. Griechischen Klassik ist ‚Europa‘ im politischen Denken präsent: als positiv konnotiertes Element im Antagonismus ‚Europa – Asien‘, freilich mit nur vagen geographischen bzw. geostrategischen Konturen. Seither entwickelten sich immer wieder machtpolitische Spannungen aus der variablen, vornehmlich visionären Grenzdefinition gegenüber Asien und anderen nicht-europäischen Regionen (z.B. Nordafrika). Mit dem Imperium Romanum, das die von der hellenozentrischen Argumentation exkludierten Länder umfaßte bzw. auch über die ‚barbarischen‘ Staaten seine Herrschaft errichtete, verschob sich der Schwerpunkt der Europadefinition immer mehr zu strukturell-organisatorischen und ordnungspolitischen Aspekten. Dabei veränderte sich auch die Konzeption des ‚Barbaren‘ (als des Nicht-Europäers).
Somit stellt gerade unser antikes Erbe diverse – und eben auch kontroverse – Begründungsmodelle für die Definition von ‚Europa‘ zur Verfügung. Die Sektion macht mit ihren fünf Beiträgen (dazu s.u.) deutlich, daß in der Debatte, was uns Europäern von der Antike her gemeinsam ist und welcher Argumente ‚man‘ sich bedienen könnte (und welcher eher nicht), ein undifferenzierter Rückgriff aus „die alten Griechen und Römer“ unfruchtbar, ja kontraproduktiv ist.
Bietet nicht aber gerade Alte Geschichte dem aktuellen Europa-Diskurs Erkenntnismöglichkeiten, wie im identitätsstiftenden Gewand vorgeblicher Traditionen mehr oder weniger partikulare politische Interessen auftreten.
In den Diskussionen, die im Anschluß an die jeweiligen Referate und zum Abschluß der Sektion gewünscht sind, wird jedenfalls der ‚wunde Punkt‘ mancher (Alt)historiker, nämlich die Frage „was soll uns noch die Antike“, nicht ausgespart werden!

Elisabeth Erdmann, Erlangen-Nürnberg
Wie weit reicht Europa zurück? Der Befund der Schulbücher

Jörg-Dieter Gauger, Bonn
Vielfalt, Einheit, Bürgergesellschaft - griechische Lebensform und europäische Identität

Ernst Baltrusch, Berlin
Zwischen Europa und Asien: Spartanische Außenpolitik des 5. Jahrhunderts v. Chr.

Eckhard Wirbelauer, Freiburg/ Br.
Das römische Reich - Überlegungen zur Verwendbarkeit von Geschichte

Hartwin Brandt, Bamberg
Europa in und seit der Spätantike, oder: Eine Königstochter, ausgetretene Pfade und die Vision eines Preises