Traditionen - Visionen
44. Deutscher Historikertag in Halle an der Saale
vom 10. bis 13. September 2002

 

Divergierende Erinnerungskulturen in der Republik Kroatien: Nationalismus als verbindendes Element einer ideologisch gespaltenen Gesellschaft

Das Abstract zum Referat von Holm Sundhaussen, Berlin in Sektion 5.22 Staatssymbolik und Geschichtskultur im 'neuen' Osteuropa

Die gesamte Ära Tito hindurch waren politische Elite und Gesellschaft der jugoslawischen Teilrepublik Kroatien entlang einer ideologischen Trennlinie gespalten: Den Anhängern des autoritären „Unabhängigen Staates Kroatien“ (NDH) von Hitlers und Mussolinis Gnaden, wie er von 1941 bis 1944 bestanden hat, standen die Parteigänger des kroatischen Widerstandes kommunistischer Prägung gegen eben dieses staatsähnliche Gebilde gegenüber. Franjo Tudjman, der erste Präsident der 1991 gegründeten Republik Kroatien, verkörperte diesen Widerspruch gleichsam in seiner Person: In den sechziger Jahren wurde der titotreue Partisanengeneral zum nationalkroatischen Dissidenten. 1990 ins Präsidentenamt gewählt, bestand das Programm seiner „Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft“ (HDZ) primär aus der Idee einer einheitlichen kroatischen Nation, deren Staatsbildungen von 10. bis zum 20. Jahrhundert als wichtigstes antemurale des westkirchlichen Europas gegen Islam und Orthodoxie fungierten. Die šahovica, das rot-weisse Schachbrettwappen, welches mittelalterlichen Ursprungs ist und das zu NDH-Zeiten staatliches Wappen- und Flaggensymbol war, symbolisierte diese nationale Idee, die Politik der ethnischen Purifizierung durch Austreibung der serbischen Minderheit sowie das Ausgreifen auf Bosnien durch die militärische Unterstützung von Herceg-Bosna unterstrichen sie.