Geschichtswissenschaft in Halle

1817-1871: Hallische Historiker zwischen Liberalismus und Konservatismus

Mit den Territorialgewinnen des Wiener Kongresses gelangte Preußen auch in den Besitz der altehrwürdigen sächsischen Landesuniversität Wittenberg, die 1817 mit der Alma mater halensis zusammengelegt wurde. Die so entstandene Doppeluniversität führte den Namen Vereinigte Friedrichs-Universität und nahm fortan ihren Sitz in Halle. Zeitweilig hatte es allerdings so ausgesehen, als sei auch die hallische Universität in ihrem Fortbestand bedroht: 1813 zum Ende der Herrschaft von Napoléons jüngerem Bruder Jérôme aufgelöst, wurde sie zwar durch die Königlich-preußische Regierung wiederhergestellt, schon bald aber durch die zu erwartenden Gebietserweiterungen Preußens wieder in Frage gestellt.

Unter den sieben Professoren, die von der zum Torso geschrumpften Universität Wittenberg nach Halle wechselten, befand sich auch der Literarhistoriker Johann Gottfried Gruber (1774-1851), der seit 1811 ordentlicher Professor für Historische Hilfswissenschaften in Wittenberg gewesen war und in Halle bis 1822 als Prorektor amtierte. Die Geschichte wurde an der vereinigten Friedrichs-Universität zunächst vornehmlich von außerordentlichen Professoren vertreten: 1812 habilitierten sich die Historiker Wilhelm Drumann (1786-1861) und Johannes Voigt (1786-1863) in Halle, wo sie ihr Auskommen als Lehrer in den Franckeschen Stiftungen gefunden hatten. Beide gingen 1817 als außerordentliche Professoren nach Königsberg. Wilhelm Wachsmuth (1784-1866), der später als Historiker hervortreten sollte, wirkte seit 1815 als außerordentlicher Professor der neueren Sprachen und Lehrer an der Hauptschule der vereinigten Gymnasien in Halle, das er 1820 verließ, um in Kiel eine ordentliche Professur anzutreten. 1821 wurde der Privatdozent Friedrich Karl Hermann Kruse (1790-1866) von Breslau als außerordentlicher Professor nach Halle versetzt, wo er bis 1828 lehrte.

Der bedeutendste hallische Historiker der ersten Jahrhunderthälfte war zweifellos Heinrich Leo (1799-1878), der auf Vermittlung Hegels 1828 zunächst als außerordentlicher Professor nach Halle kam und 1830 zum Ordinarius berufen wurde. Zunächst während seines Studiums in Jena, Göttingen und Berlin unter dem Einfluß des bedeutenden Geschichtsphilosophen stehend, sagte sich Leo, der bis dahin vor allem als Mediävist hervorgetreten war, 1838 in einer Schmähschrift von Hegel los und wandte sich fortan mehr und mehr der streitbaren Publizistik zu. Auch den etwas älteren Ranke griff er zu Beginn seiner hallischen Zeit scharf an. Zugleich wandelte sich Leo, der als Student in Jena zunächst radikaler Burschenschaftler gewesen war, zum Konservativen und gehörte im Revolutionsjahr 1848 zu den engeren Beratern des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Später wurde er treuer Parteigänger Bismarcks.

Ähnlich wie Leo war der in Berlin aufgewachsene Max Duncker (1811-1886) während seines Studiums in Berlin von Hegel und dem Burschenschaftsgedanken beeinflußt und verbrachte deswegen sogar sechs Monate in Haft. Wohl wegen dieser politischen Sympathien hatte er einflußreiche Feinde in der hallischen Universität, an der er sich 1839 habilitierte, und wurde erst 1842 zum außerordentlichen Professor ernannt. 1848 gehörte Duncker, nun zum rechten Liberalen gewandelt, als Mitglied der "Professoren-Partei" der Nationalversammlung an, 1850 dem Erfurter Parlament. 1857 verließ er Halle, um ein Ordinariat in Tübingen anzunehmen.

Den Lehrstuhl Leos übernahm 1866 der Mediävist Ernst Dümmler (1830-1902), der sich 1854 in Halle habilitiert hatte und seit 1858 als außerordentlicher Professor wirkte. Er veröffentlichte zunächst 1862-1865 eine Geschichte des Ostfränkischen Reiches und wandte sich dann der ottonisch-salischen Reichsgeschichte zu. 1888 verließ er die Universität Halle, um als Nachfolger von Georg Waitz Vorsitzender der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica zu werden, deren Mitglied er seit 1876 war.

Markus Meumann


Literatur

  • Manfred Brümmer: Staat kontra Universität. Die Universität Halle-Wittenberg und die Karlsbader Beschlüsse 1819-1948, Weimar 1991.
  • Andreas Ranft: Mediävistik in Halle um 1900: Dümmler und Lindner, in: 125 Jahre Historisches Seminar an der Martin-Luther-Universität Halle. Halle und die deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, hg. von Werner Freitag, Halle 2002 (Studien zur Landesgeschichte; 5), im Druck.
  • Wilhelm Schrader: Geschichte der Friedrichs-Universität zu Halle, Teil II, Berlin 1894.
  • Albrecht Timm: Das Fach Geschichte in Forschung und Lehre im 19. Jahrhundert an der Universität Halle-Wittenberg, in: 450 Jahre Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Bd. II, S. 291-304.