Deutsche Historikertage in Halle

Ein Blick in die Geschichte der Historikertage zeigt, dass der Verband Deutscher Historiker die Stadt und Universität Halle bis zur Teilung Deutschlands nach dem II. Weltkrieg zweimal zum Ort seiner repräsentativen Tagungen bestimmte. Am 4. April 1900 trat hier, nach München, Leipzig, Frankfurt, Innsbruck und Nürnberg, der 6. Deutsche Historikertag zusammen. Und genau dreißig Jahre später fand in Halle der 17. und damit vorletzte Kongress des Verbandes vor seiner Gleichschaltung durch den Nationalsozialismus statt. Die gleiche Ehre einer zweifachen Wahl traf sonst bis zur Neukonstituierung zunächst für den westlichen Teil Deutschlands im Jahre 1948 nur Frankfurt.

Daraus einen besonderen Platz der hallischen Universität und ihrer Gelehrten in der deutschen Geschichtswissenschaft zu konstruieren, ist zwar verlockend, würde aber an den Realitäten vorbei gehen. Die Wahl der Stadt Halle als Tagungsort für den 6. Historikertag 1900 löste offenbar nicht überall Enthusiasmus aus. Im Unterschied zu den geschichtsträchtigen Stätten der vorausgegangenen Treffen fiel es ihr schwer, sich der Öffentlichkeit als ein dem Gegenstand der Wissenschaft adäquater Tagungsort zu präsentieren. Die Morgenausgabe der "Vossischen Zeitung" vom 10. April merkte ironisch an, dass die moderne Industrie- und Handelstadt dem Historiker mit ihren kahlen Mietskasernen und Fabrikschloten in kunstfeindlicher Nüchternheit die Gegenwart recht handgreiflich vor Augen führe.

Die Wirkung des ersten hallischen Historikertages lässt sich in der Rückbetrachtung wohl am stärksten an Änderungen in den Formen festmachen, in denen das Ereignis zeremoniell inszeniert wurde. Peter Schumann betont einen seither stärker hervortretenden Zug zur Repräsentation sowie die Wandlung vom Diskussionsforum zur "Bühne einer sich in Selbstdarstellung übenden Wissenschaft". In der Programmgestaltung markierte Halle insoweit einen Wendepunkt, als sich hier die bisherige Themenfülle lichtete, Fragen des Geschichtsunterrichtes in den Hintergrund traten und die politische Geschichte immer mehr zum beherrschenden Gegenstand wurde. Ausdruck dessen waren vier exponiert platzierte Vorträge. Der Hanse- und Skandinavienforscher Dietrich Schäfer aus Heidelberg referierte im ersten Beitrag nach der Eröffnung über den Eintritt der nordischen Mächte in den Dreißigjährigen Krieg, Heinrich Ulmann aus Greifswald am nächsten Tag über Napoleon I., der Wiener Heinrich Friedjung über das Angebot der deutschen Kaiserkrone an Österreich 1814. Zum Abschluss der Tagung sprach der Hallenser Felix Rachfahl, neben dem Rechtshistoriker Philipp Hecke zweiter einheimischer Referent, über die Trennung der Niederlande vom Reich. Größeres öffentliches Interesse fanden allerdings andere, etwa der antike Rechtshistoriker und Papyrusforscher Ludwig Mitteis aus Leipzig oder Hans Prutz aus Königsberg mit einer lebhafte Diskussionen auslösenden Kritik des akademischen Geschichtsbetriebs. Insgesamt blieb der Kongress aufgrund des Mangels an klar konturierten verbindenden Linien inhaltlich eher gesichtslos.

Auch den 17. Deutschen Historikertag 1930 kennzeichneten, folgt man den Berichten der Chronisten, zunächst äußerliche Besonderheiten. Nachdem die vorangegangenen Nachkriegskongresse in Breslau und Graz in starkem Maße der "politischen Demonstration deutschen Selbstbehauptungswillens" (Schumann) gedient hatten, war hier eine gewisse Entkrampfung der nationalen Rhetorik zu verspüren. Ganz im Kontrast zu 1900 lobte Erich Mühsam in der "Vossischen Zeitung" vom 25. April die Stadt Halle, die "ihre Historiker zu feiern" wisse. Deren modernindustrielle Prägung diente auch diesmal dazu, den Bezug der Arbeit des Historikers zu aktuellen Themen der Zeit herzustellen, seine Verantwortung gegenüber dem éRingen der Nation um Wiedererhebung' (Hans Herzfeld) zu zitieren. Dabei war die Wahl Halles wohl auch diesmal keine Verneigung vor der dortigen Zunft, sondern eine Notlösung, nachdem die Absicht gescheitert war, den Kongress wie die beiden letzten Male symbolhaft in deutsche Grenzgebiete, diesmal nach Koblenz, zu vergeben.

Inhaltlich unterschied sich die Tagung, die Schumann als wissenschaftlich gediegen, repräsentativ, aber nicht sonderlich debattierfreudig charakterisiert, deutlich von der im Jahre 1900, aber auch von ihren unmittelbaren Vorgängern. Waren diese durch eine eher unsystematische Programmplanung gekennzeichnet, so standen die zentralen Vorträge diesmal in deutlichen Zusammenhängen. Es gab übergreifende thematische Aspekte, die den Kongress selbst oder die nachfolgende publizistische Debatte beschäftigten, wie das Verhältnis von Geschichtsforschung als Wissenschaft zur Geschichtsschreibung als Kunst. Oder den Standort des Historikers angesichts des, wie Mühsam formulierte, Spaltes, der sich auftue zwischen "Wahrheitsgefühl" und "Nationalgefühl". Vielbeachtete Vorträge hielten der Tübinger Kunsthistoriker Georg Weise oder Hermann Oncken, der von einem "andächtigen" Publikum in der überfüllten Aula für seine nachdenkliche Anmerkungen zum geschichtlichen Charakter der Reichsgründung Bismarcks "bewundernde Anerkennung" erhielt. Höhepunkt des Kongresses war allerdings der Beitrag des jungen Ernst Kantorowicz, der drei Jahre zuvor mit seiner vielbeachteten Biographie Kaiser Friedrichs II. bekannt geworden war und der in Halle mit "Grenzen, Möglichkeiten und Aufgaben der mittelalterlichen Geschichte" ein ambitioniertes programmatisch-methodologisches Thema aufwarf. Sein Credo findet sich in dem spöttischen "Song des Positivisten" (Schumann, S. 372) wieder, mit dem ein Studentenorchester das abschließende Festessen deftig würzte und in dem es u.a. hieß:

"Das Geistige mag ich nicht,
Synthesen wag' ich nicht
Das einz'ge, so ich wag
Ist Analys.

Ich kann nicht Mythen schaun,
ich kann bloß Akten schaun
und was ich sonst noch kau',
ist Annalis."

Hartmut Rüdiger Peter

Literatur

  • Gerhard Ritter: Die deutschen Historikertage, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 4 (1953), S. 513 ff.
  • Peter Schumann: Die Deutschen Historikertage von 1893 bis 1937. Die Geschichte einer fachhistorischen Disziplin im Spiegel der Presse, Marburg 1974.