Vielfalt, Einheit, Bürgergesellschaft - griechische Lebensform und europäische Identität

Das Abstract zum Referat von Jörg-Dieter Gauger, Bonn in Sektion 2.3 Europa in der Antike - Traditionen oder retrospektive Vision?

Gerade am Thema Europa lässt sich zeigen, dass die Antike mehr bietet als schöngeistige Reminiszenz. Denn Europa ist nicht nur geographisch eine „Erfindung“ der Griechen. Ihnen verdanken wir die Vorstellung vom „Kulturraum Europa“, indem sie auf vergleichbare politische „Problemkonfigurationen“ teils zu heute parallelisierbare, teils kontrastierende Antworten versucht haben. „Einheit und Vielfalt“, „Wertegemeinschaft“, „freiheitliche Demokratie“, „Identität durch Gegenbild“, „Bürgergesellschaft“ sind moderne Formeln, aber damit verbinden sich dem griechischen Denken durchaus geläufige Inhalte. Denn auch sie sahen sich der Herausforderung gegenüber, Antworten auf die Frage zu finden, welche Elemente denn „Einheit in der Vielfalt“ und damit „griechische“, nach ihrem Verständnis zugleich „europäische Identität“ konstituieren könnten. Dabei greifen sie zurück auf Merkmale wie gemeinsamen Namen, Sprache, „Blutsverwandtschaft“, gemeinsame Religion, v.a. aber auf „gemeinsame Lebensformen“, die durch den im 5. Jh. v. Chr. (Aischylos, Herodot) hochstilisierten, jetzt primär politisch begriffenen Systemgegensatz „Europa-Asien“ normativ neu justiert werden. Modern formuliert: Europa als „Reich der Freiheit“ – Asien als „Reich des Bösen“. Die Freiheitsparole, deren rhetorischer Gehalt freilich auch nicht unterschätzt werden darf, verbindet sich mit der parallel dazu ebenfalls forcierten Idee von demokratia/isonomia: Interpretiert werden sie als die „den Griechen“ (übertragen: „den Europäern“) angemessene politische „Lebensform“, als ihre originäre normative Bestimmung und zugedachte historische Rolle, die wiederum auf das Perserverständnis und hier insbes. auf die Funktion der bekannten „Verfassungsdebatte“ (Hdt. 3,80ff.) neues Licht werfen kann.