Das römische Reich - Überlegungen zur Verwendbarkeit von Geschichte

Das Abstract zum Referat von Eckhard Wirbelauer, Freiburg/ Br. in Sektion 2.3 Europa in der Antike - Traditionen oder retrospektive Vision?

Seit Anfang dieses Jahres ist es für uns alle mit den Händen greifbar: Europa beginnt in der Antike, und zwar in der römischen, wie uns der 5-Euro-Schein weismachen will. Dabei zeigt die neue Währung unfreiwillig, wo die Europäer der Schuh drückt: Sie besitzen so wenige gemeinsame Symbole ihrer Identität, daß eine Landkarte und eine architekturgeschichtliche Stilblütenlese das Outfit der Münzen und Scheine bestimmte. Dabei mangelt es nicht an Überlegungen und Vorschlägen, worin eine europäische Identität bestehen könnte. Doch alle diese Angebote – so sie ernstzunehmen sind – einigt das Bemühen, der komplizierten Geschichte des europäischen Kontinents Rechnung zu tragen. Der Ausbildung von Symbolen ist dies nicht förderlich, wie die Gestaltung (und die Benennung!) des Euro zeigt.

Im letzten Jahrzehnt haben sich – im deutlichen Gegensatz zu den davorliegenden Jahrzehnten – nicht wenige deutsche Althistoriker zum Thema „Europa und die Antike“ geäußert. Daß dabei dem Römischen Reich eine besondere Bedeutung zufiel, wird nicht weiter überraschen. Doch während der eine die römische Kaiserzeit als „vortreffliches Beispiel“ für die auszubildende neue europäische Führungsschicht betrachtet (Gottlieb), betonen andere, daß das Römische Reich „von seiner Struktur her ... für ein künftiges Europa [kein] Vorbild oder ‚Modell‘ sein“ könne, - „es sei denn, wir wollten einen Kaiser an der Spitze der Regierung eines zentralistischen supranationalen Superstaates haben und wir wollten Untertanen werden“ (Girardet). Konsens dürfte immerhin darin bestehen, daß „für die innere Ausformung eines späteren Europa ... am Ende der Antike ... wichtige Potentiale“ bereitstanden (Schlumberger) und daß zu dieser Bereitstellung das Römische Reich wesentlich beigetragen hatte.
Entscheidend für die aktuelle Debatte ist etwas anderes: „Da die Identität Europas auf keiner Sprachgemeinschaft beruht, kann ihr Fundament nur eine Gemeinschaft der Erinnerung, der Erfahrung und der Vision sein.“ (Alföldy) Es kommt also darauf an, wie man sich zur Vergangenheit, hier: zur römischen Vergangenheit, stellt. Der französische Philosoph Rémi Brague brachte dies in seinem anregenden Essay „Europe. La voie romaine“ (Paris 1992; dt.: Europa. Eine exzentrische Identität, Frankufrt/M. 1993) listig auf die abschließende Frage: „Sind wir noch römisch“?