Europa in und seit der Spätantike, oder: Eine Königstochter, ausgetretene Pfade und die Vision eines Preises

Das Abstract zum Referat von Hartwin Brandt, Bamberg in Sektion 2.3 Europa in der Antike - Traditionen oder retrospektive Vision?

Europa liegt in der Spätantike auf dem Balkan und spielt weder als visionäre Idee noch als traditionsstiftendes Element eine nennenswerte Rolle – die dominierenden Kategorien lauten vielmehr „Oriens“ und „Occidens“. Der Vortrag stellt sowohl die einschlägigen spätantiken als auch die frühmittelalterlichen Belege zum Mythos der Europa, zum geographischen Europabegriff und zu zeitgenössischen Europamotiven in einer kritischen Gesamtschau zusammen, um die in der Forschung immer wieder gestellte Frage nach der Existenz einer spätantik-frühmittelalterlichen Europaidee oder gar Europavision angemessen beantworten zu können. Insbesondere soll geprüft werden, ob Europa als „Bewußtseinseinheit“ bereits in der Zeit um 400 n.Chr. greifbar ist (J. Fischer) oder erst um 600 n.Chr. gewissermaßen als Ersatz für inzwischen obsolet gewordene Ordnungskategorien Bedeutung erlangt hat (J. Schlumberger), wer die Träger eines eventuell greifbaren Europa-Konzeptes gewesen sein können – die gallorömische Aristokratie? (G. Zecchini) – und ob man zwischen einem ‚östlichen‘ und einem ‚westlichen‘ Europagedanken in der Spätantike differenzieren kann (P. Grattarola). Den Schluß des Vortrages bilden der Versuch einer Gesamtwürdigung der spätantik-frühmittelalterlichen Europavorstellungen und ein (nur bedingt ernst gemeinter) Vorschlag, inwiefern mit dem antiken Europamythos aktuellen ‚Visionsdefiziten‘ begegnet werden könnte.